Ein Alien

Eine kleine Post- Trail Geschichte:

Ich war letztens auf einer Party. Natürlich machte ich mich ein wenig zurecht. Macht man ja so in der richtigen Welt. Und ich muss sagen dass es mir auch Spaß macht nach so einer langen Zeit mal anders zu sein als auf dem Trail, jeden Tag die gleichen Klamotten tragend. Nicht dass es mir etwas ausgemacht hätte, im Gegenteil. Aber ein wenig Abwechslung tut ja auch mal ganz gut
Ich kannte nur sehr wenige Leute da. Irgendwann kam das Thema wandern auf. Mein Ding! Ich werde hellhörig.
Eine Erzählung über eine einwöchige Tour. Die Strecke klingt unendlich lang an. Ein beschwerlicher Weg. Ne Milliarde Höhenmeter. Mindestens.
Irgendwann schalte ich mich ins Gespräch ein, bin ja interessiert.
Ein paar Fragen später weiß ich- 70 km, insgesamt knapp 2000 Höhenmeter.
„Ach das klingt ja nach einer entspannten Wanderung“, lautet mein Kommentar dazu, „viel Zeit zum Kochen und um die Natur zu genießen“.
Ein komischer Blick wird mir zugeworfen. Jemand lehnt sich zu mir rüber: „70 km, das ist ne ganze Menge. Mit Rucksack, da läuft man richtig viel. Aber ist schon okay…“ – und dann kam der Hammer- „… du wirkst auch nicht wie jemand der viel wandert oder so.“
Ich kann mir ein lautes Lachen nicht verkneifen. Eine der wenigen Personen die ich kenne kommt dazu, ich hole mir noch ein Bier.
Als ich wiederkomme- offene Münder. „Von Mexiko nach Kanada?! 4300km in 4 1/2 Monaten?! ALLEINE?!?!“
Ein breites Grinsen meinerseits. Wie war das noch mit dem Äußeren von dem man sich nicht täuschen lassen soll?

Doch tatsächlich fühle ich mich jetzt, 3 Monate nach dem Trail, immernoch ein bisschen wie ein Alien. Ein Puzzleteil dass nicht mehr ganz ins Gesamtbild passt, wie sehr ich mich auch anstrenge.
Ich vermisse den Trail und erwische mich immer wieder dabei wie ich alte Muster anwende. Bei Sonnenschein die Himmelsrichtungen bestimme und mich falsch fühle wenn ich nicht nach Norden gehe. Im Wald nach Fußabdrücken anderer Hiker suche. Heißhunger auf Nutella pur bekomme.
Es fehlt einfach ein Teil von mir und wie sehr ich auch das komfortable Leben Zuhause genieße so fühle ich mich doch etwas eingeengt. Die Freiheit und das laufen fehlen mir, obwohl ich regelmäßig Joggen gehe. Es ist einfach nicht dasselbe. Und dann sind da so viele Menschen, so viele Termine und so viele Verpflichtungen. Hach war es auf dem Trail einfach. Es fühlt sich ein bisschen wie Liebeskummer an, so verrückt das auch klingen mag.

Der Eingewöhnungsprozess dauert doch länger als ich dachte und je mehr mich der Alltag einholt desto klarer wird mir die Gegensätzlichkeit zum letzten halben Jahr.

Bei der Frage „Und? Wie wars?“ schießen mir tausende Erinnerungen in den Kopf, so viele Emotionen kommen in mir hoch, ein Lächeln tritt auf mein Gesicht. „Unglaublich schön!“.
Die Zeit in (kurze) Worte zu fassen ist einfach zu schwer. Aber jedes Mal folgt der Satz: „Ich bin so dankbar für diese unglaubliche Zeit und all die Begegnungen. Und für die harten Momente. Denn die haben mich stärker gemacht“.

Was soll ich sagen? Ich bin froh wieder hier zu sein, wünsche mich aber trotzdem das ein oder andere Mal zurück. Es ist komisch wieder normal zu sein. Es ist ungewohnt.
Aber Leute, ich gebe mein Bestes! Das Alien landet schon wieder auf dem Planeten Erde 😀

Und was mir niemand mehr nehmen kann sind die Erinnerungen. Eine Erinnerung- Meine ganz persönliche PCT Medaille. Hier ein riesen Dankeschön an die PCTA für dieses wunderbare Andenken.

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Mein Reisefieber ist auf jeden Fall geweckt und obwohl ich weiß dass ich nicht ewig weiterwandern kann plane ich doch schon weitere Touren. Der PCT war keinesfalls das Ende, eher der Anfang.

„Niemand weiß, wie weit seine Kräfte gehen, bis er es versucht hat“ ~ Goethe

„The mountains are calling and I must go“ ~ John Muir

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Tag 143- KANADA!

Der Tag beginnt früh, um halb 5 Uhr morgens wache ich auf. Es ist noch recht dunkel, trotzdem stehe ich auf, esse schnell und packe mein Zeug zusammen. Ich hätte keinesfalls weiterschlafen können.

Mein letztes Camp hatte ich 25 Meilen vor der Grenze aufgeschlagen und war nun mehr als motiviert diese Meilen so schnell wie möglich zu überwinden. Ich treffe ungewöhnlich viele Leute die jeweils für ein paar Tage auf dem PCT unterwegs sind. Die erste Frage ist immer: „Thru- Hiker? Congratulations!“. So wie sich all diese fremden Menschen für mich freuen und mich für diese Leistung beglückwünschen kann ich nicht anders als mich dann doch auch zu freuen. Die Zeit vergeht schnell. Noch ein Berg, ein Tal, zwei Switchbacks…

…und ich sehe zunächst eine Amerikanische Flagge im Boden stecken. Etwas rotes flattert hinter den Bäumen. Noch ein paar Schritte und da stehe ich, vollkommen überwältigt, vor dem Monument. Die Grenze zwischen den USA und Kanada. Der offizielle Endpunkt des Pacific Crest Trails. Ein paar Momente stehe ich einfach nur da, starre auf die Holzpfähle und spüre Tränen in meinen Augen. Das war es also. Das Ende dieser Reise, nach etwas mehr als 4 1/2 Monaten. Ich hatte es tatsächlich geschafft, obwohl es mir so lange unmöglich schien.

Ich bemerke dass ich nicht ganz allein bin, ein Pärchen sitzt zwischen den Bäumen und schaut mich etwas verwundert an. Ich hätte wahrscheinlich auch doof geguckt wenn ich einen kleinen Tagesausflug machen würde und mir plötzlich ein Mädel über den Weg laufen würde dass beim Anblick von ein paar Holzpfählen mit Flaggen anfängt in Tränen auszubrechen. Doch die zwei zeigen sich mehr als verständnisvoll als ich von meiner langen Wanderung erzähle und was mir das hier bedeutet. Die zwei machen netterweise Bilder von mir wie ich -das allerletzte- Trail Register nehme und meinen Namen eintrage.

Dann steige ich auf das Monument um das obligatorische Endfoto zu schießen.

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Fluffy Star made it ☆

Tag 142- Final Countdown

Nachdem ich die Nacht in Chelan verbracht habe nehme ich am nächsten Morgen um halb 8 die Fähre über den 51 Meilen langen See. Zwei Stunden später komme ich im kleinen Ort Stehekin an.

Mein erster Gang führt direkt zum Post Office wo ich mein Resupplypaket und meine Canada Entry Permit abhole. Zum Glück ist alles rechtzeitig angekommen!
Hastig packe ich alles zusammen und bin gegen 11 auf dem Weg zurück zum Trail. Doch ein Zwischenstopp muss noch sein: Die berühmte Stehekin Bakery. Obwohl ich weiß dass es nicht die beste Idee ist kurz vorm wandern Kuchen und Teilchen zu verdrücken kann ich mich nicht zurückhalten. Es ist einfach zu lecker!

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Meine fehlende Selbstbeherrschung wird mir auf dem Trail nach einer Meile mit stechenden Bauchschmerzen quittiert und ich muss erstmal eine kleine Verdauungspause einlegen.

Die Stimmung ist ganz anders als sonst, das Sonnenlicht scheint rötlich durch die Bäume als würde sie bald untergehen obwohl es grade mal Mittag ist. Der Rauch hängt schwer in der Luft und färbt nicht nur das Licht sondern erschwert das Atmen extrem. Alle paar Minuten muss ich einen Schluck Wasser trinken weil mein Mund und meine Kehle so trocken sind dass ich nicht mehr richtig schlucken kann, zu atmen ist unangenehm.
Außerdem regnet es Asche die sich weiß auf mich und meine Umgebung legt. Ich fühle etwas Unbehagen in mir aufsteigen. Nicht nur weil ich soetwas überhaupt nicht gewohnt bin, mir wird jetzt erst bewusst wie nah diese Feuer doch sind. Südlich davon hat man nur schwer glauben können dass es in der Nähe brennt, es gab keinerlei Anzeichen dafür. Jetzt schon- und so lege ich noch einen Zahn zu, obwohl ich nur wenig Luft bekomme.

Außerdem fühle ich mich beschwingt durch die Tatsache dass ich allein bin. Ich liebe es zwar mit anderen Leuten zu laufen und nicht nur mit Streifenhörnchen und Rehen zu sprechen- aber hier, auf der Zielgeraden, fühle ich mich nochmal ein bisschen freier, ein bisschen leichter und ein bisschen härter. So wie diese ganzen Frauen die so hardcore sind dass ich sie für ihre Stärke und ihren Mut bewundere. Ein kleines bisschen fühle ich mich wie eine von ihnen.

Nach einigen Meilen klart es zum Glück wieder auf und auch in den nächsten Tagen ist alles so wie immer. Ich laufe an diesen Tagen lange, mache viele Meilen, genieße trotzdem jeden Moment wie noch nie zuvor. Die Berge geben mir ein Gefühl von Unendlichkeit und obwohl ich weiß dass meine Reise bald zuende sein wird weiß ich es irgendwie auch nicht. Es ist einfach zu unwirklich um es richtig zu begreifen, von Mexiko nach Kanada laufen zu können klingt plötzlich so unmöglich dass ich keinesfalls schon fast da sein kann. Klar habe ich mich auf das Ende gefreut, darauf dass ich mir wirklich sagen kann dass ich es geschafft habe, trotz allen Schwierigkeiten, und darauf dass die Rückkehr nach Hause greifbar nah wird, auf meine Freunde, meine Familie, mein Pferd, meinen Job. Auf mein Bett in das ich jederzeit fallen kann ohne es vorher aufpusten zu müssen und auf das Dach über meinem Kopf unter dem ich mich vor Regen, Wind und Kälte verstecken kann. Auf meine Klamotten die sauber duftend in meinem Schrank liegen, auf den Teppich mit Fußbodenheizung, der zum barfußlaufen einlädt, besonders wenn es draußen kalt ist und das schlechte Wetter durchs Fenster beobachten zu können. Auf meine Couch. Oh geliebte Couch, bald bin ich wieder da!

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Doch ich bin auch echt traurig. So schwer es immer mal wieder war bin ich doch für jeden einzelnen Tag unglaublich dankbar und habe so viel gelernt, bin so oft über mich selber hinausgewachsen und habe Dinge geschafft die mir vorher unmöglich schienen. Ich werde das Abenteuer in jedem Tag vermissen, diese absolute Freiheit zu tun und lassen was ich will, die Natur um mich herum. Und natürlich all die tollen Menschen die ich getroffen habe, die mit mir gelaufen sind und die mir geholfen haben. Die witzigen Situationen über die ich mit anderen Hikern gelacht habe, die Insider die auch nach tausend Meilen noch nicht ausgelutscht waren und dass Monk sich mal wieder übers VVR aufregt. Die absolut selbstverständlichen Gespräche über seinen Toilettengang und so manche lustigen Missgeschicke dabei. Die Leichtigkeit wenn man gemeinsam lacht oder einfach nur andächtig die Landschaft genießt, das Gefühl etwas gemeinsam erreicht zu haben, einen Moment zu teilen. Das Gefühl dabei zu sein, verstanden zu werden und irgendwie zusammen zu gehören.
Ich werde das Gefühl vermissen auf dem höchsten Punkt eines Berges zu stehen, durchzuatmen,  zurückzuschauen und den letzten großen Berg zu betrachten an dem ich nur wenige Tage oder sogar nur Stunden zuvor war. Das Gefühl das Geschaffte greifbar zu haben, seinen Fortschritt hautnah zu erleben, stärker und schneller zu werden. Das Gefühl, mal wieder eine Hürde genommen zu haben, sich selber übertroffen zu haben, gewachsen zu sein und vollkommen im Moment zu leben. Das Gefühl dass alles gut ist und ich sicher bin hier draußen, diese Unendlichkeit.
Und ich werde die Einfachheit des Trails vermissen. Keine Termine, kein Handy, keine Verpflichtungen. Keine Geburtstage von Menschen die ich kaum noch kenne, an die ich nurnoch durch Facebook erinnert werde. Keine E- Mails die innerhalb von ein paar Stunden beantwortet werden müssen. Keine Vorlesungen, Anmeldefristen, Hausarbeiten oder Klausurtermine. Kein Druck von außen. Nur ich und der Trail; Essen, Trinken und ein Platz zum schlafen.
Ich werde sogar die nervigen bis schlechten oder gar schrecklichen Lieder auf meinen iPod vermissen da ich sie nach dem Trail wohl wieder einfach weg drücken werde. Nach dem Trail muss ich mit dem Akku schließlich nicht mehr haushalten. Und die Werbesongs die mir ewig im Kopf herumgeschwirrt sind ohne dass ich sie loswerden konnte. Das Schrittezählen in vier Sprachen um schlechte Gedanken zu vertreiben. Das Umrechnen von Fuß in Meter damit es nach weniger Bergauf klingt, in der Hoffnung mich selber betrügen zu können, die Angaben in Meilen (auch wenn sie weniger Sinn als Kilometer machen) und die Temperaturen in Fahrenheit (die noch nichtmal die Amerikaner selber verstehen, geschweige denn in Celsius umrechnen können).
Abends totmüde in meinen Schlafsack zu krabbeln und unter einer Millionen Sterne einzuschlafen, Sternschnuppen zählend. Nachts aufzuwachen und ein Reh direkt neben mir zu sehen das über meine Anwesenheit genauso überrascht ist wie anders herum.
Und das Pfeifen der Marmots, das Schimpfen der Eichhörnchen und die Chipmunks die über den Trail rasen, die Eidechsen die in der Sonne Liegestütze machen und die Schlangen die lautlos durchs Gebüsch schlängeln.
An einem heißen Tag kurz inne zu halten um eine leichte Briese zu genießen wobei ich mir vorstelle dass der Wind nur weht weil grade jemand ganz feste an mich denkt und mich dadurch antreibt. Oder ein Nickerchen unter einem riesigen Baum zu machen und die Meilen zu vergessen. Einen Schluck eiskaltes, klares Bergwasser zu trinken wenn ich wirklich durstig bin.
Ich werde vermissen was wahrscheinlich der Traum einer jeden Frau da draußen ist; So viel zu essen wie ich will und trotzdem abzunehmen. Nutella löffeln und dafür ein anerkennendes Kopfnicken zu bekommen? Man das wird mir fehlen!

Am vorletzten Abend auf dem Trail gibt es noch ein letztes Mal Trailmagic. Ein letztes Mal. Wie komisch das klingt… Meander, der ursprünglich aus Holland kommt, hat sein Auto mit Leckereien und Getränken gefüllt um Hikern am Harts Pass, 31 Meilen vor der Grenze, eine Freude zu machen. Er, CheczMix (ein anderer Hiker) und ich quatschen lange bei einer Cola und Muffins. Hammer!

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Durch die unerwartete aber herzlich willkommene Verzögerung laufe ich noch lange um meine Meilen zu schaffen und campe als es schon dunkel ist, 25 Meilen südlich von der Grenze. So schlage ich in Gedanken mein Zelt auf. Auf dem PCT. Ein letztes Mal.

Tag 140- Trail on fire

Langsam macht sich die Erschöpfung in mir breit. Nicht die Erschöpfung am Ende des Tages, wenn ich mal wieder 30 Meilen oder sogar mehr gelaufen bin, mit etlichen Bergen dazwischen die es zu erklimmen gilt. Es ist mehr die Erschöpfung jeden Tag das gleiche zu tun, seit über hundert Tagen. Das Gefühl, dass der Trail nie endet obwohl man schon so nah am Ziel ist und die Natur um einen herum so abwechslungsreich ist. Doch irgendwie bin ich an dem Punkt angelangt an dem ich genug gelaufen bin und endlich ankommen will.

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Ich. Müde. 😀

Grade an diesem Punkt wird mir eine Hürde in den Weg gestellt. Südlich von Stehekin, dem letzten Resupply Ort auf dem Trail, ist durch einen Blitzeinschlag ein Feuer ausgebrochen. Der Waldbrand ist sehr nah am Trail und breitet sich durch die allgemeine Trockenheit im Westen der USA weiter aus. Die Folge- der Trail ist für ca. 20 Meilen gesperrt.

An sich wäre das kein allzu großes Problem gewesen da der National Forest Service und die Pacific Crest Trail Association schnell an Alternativrouten arbeiten mit denen man das Feuer umgehen kann. Doch leider wurde diese Umleitung nach wenigen Tagen auch geschlossen. Auch dort hatte es angefangen zu brennen.

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Über einen Highway ist es zwar möglich, das komplette Feuer zu umgehen- jedoch wird dabei auch Stehekin umgangen. Und nach Stehekin führen keine Straßen, man kann den Ort nur zu Fuß über Trails oder per Fähre über Lake Chelan erreichen. Nun hatte ich dort aber nicht nur mein letztes Paket mit Lebensmitteln für die letzte Etappe des Trails, sondern auch meine Canada Entry Permit die es mir erlaubt, nach Kanada einzureisen ohne eine offizielle Grenzkontrolle zu passieren. Wenn ich am nördlichen Monument des PCTs nicht umkehren und 30 Meilen zurück zur letzten Straße laufen wollte musste ich also irgendwie nach Stehekin kommen.

Nach einigem hin und her stand mein Plan: Ich würde über den Suiattle River Trail den PCT ab der Trailsperrung verlassen, über die Suiattle River Road und diverse Highways bis nach Chelan hitchen und von dort aus die Fähre nach Stehekin nehmen. Dort angekommen würde ich schnell mein Zeug am Post Office abholen und so schnell wie möglich wieder auf den Trail gehen um eventuellen weiteren Trailschließungen zuvor zu kommen. Man weiß ja nie und die Brände hier sollte man nicht unterschätzen.

Leider musste ich mich an diesem Punkt von Monk und Barefoot verabschieden, sie wollen das Feuer anders umgehen. Die beiden habe  mir in den letzten Tagen Gesellschaft geleistet und eine super lustige Zeit beschert. Und so viele Blaubeeren- Fresspausen 😀

Wie auch immer- gesagt, getan. Ich brauche einen ganzen Tag und fünf Mitfahrgelegenheiten um nach Chelan zu kommen. Stan, Conrad, Chris, Leslie und Doug machen es möglich. 200 Meilen auf der Straße um 20 Meilen des Trails zu umgehen. Auch auf den letzten Meilen bleibt meine Reise ein Abenteuer voller Überraschungen. I love it! 🙂

Tag 129- Goat Rocks und Knifes Edge

Einer der besten Tage in Washington!

Nachdem es die ersten drei Tage in Washington geregnet hat (es scheint an den Staatsgrenzen zu liegen), klart es am vierten Tag endlich auf. Die Sonne scheint, es wird wieder wärmer und ich kann endlich mein ganzes Zeug trocknen. Von Mal zu Mal komme ich besser mit dem Regen klar, habe mir mein eigenes kleines System erarbeitet. Ich kann ja sowieso nichts dagegen machen- also wird morgens alles im nassen Zustand eingepackt, ich laufe durch den Regen vor mich hin und abends schlage ich mein nasses Zelt wieder auf. Nicht super angenehm aber es könnte schlimmer sein.

Am fünften Tag in Washington geht es dann zu Goat Rocks, einer riesigen Felswand. Der Trail selber läuft entlang eines lang gezogenen Tals über einen Pass zwischen Goat Rocks und einem kleineren Bergkamm. Die Aussicht ist- mal wieder- der Hammer.

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Auf der anderen Seite des Passes, nahe eines Wasserfalls, mache ich eine lange Mittagspause und genieße die Umgebung, das schöne Wetter und mein Mittagessen.

Seit ich in Washington bin hat nochmal der Hiker Hunger zugeschlagen, ich esse so unglaublich viel und das ca. alle zwei Stunden- es wird fast schon zu einem Zeitproblem da ich ständig vor Hunger anhalten und Snackpausen machen muss. Trotzdem verliere ich weiter an Gewicht, was unter normalen Umständen kein Problem wäre, doch durch das fehlende Polster auf meinen Hüftknochen hinterlässt der Rucksack dort mittlerweile unangenehme blaue Flecken.

Nach der Pause geht es weiter zur „Knifes Edge“, wo der Trail über einen steilen Bergkamm führt. Ein paar Mal komme ich ins rutschen und das Adrenalin schießt mir ins Blut. Wenn man hier ungünstig wegrutscht kann es ganz schnell vorbei sein. An den kahlen, felsigen Bergflanken gibt es nichts was einen aufhält wenn man fällt.

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Es ist verrückt. Obwohl es hier oben so warm ist und der höchste Punkt von Knifes Edge nur ca. 2300m hoch ist, liegt unterhalb des Bergkammes noch etwas Schnee- der in Shorts und T- Shirt überquert wird.

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Tag 124- Das wars schon? Washington!

Nur 20 Tage um den nächsten Staat zu erwandern? Oregon liegt schon hinter mir als ich mich grade an den Gedanken gewöhnt habe dass ich raus aus Kalifornien bin.

Im Vergleich zu anderen Hikern habe ich mir Zeit gelassen. Da Oregon ein recht flacher Staat ist versuchen viele Hiker in zwei Wochen oder sogar in nur 10 Tagen Washington zu erreichen.
Ich habe mich ganz bewusst dagegen entschieden. Ich möchte auch Oregon genießen, genauso wie die anderen Staaten auch. Und Oregon hat einiges zu bieten- Crater Lake, Crescend Lake, die Timberline Lodge am Mount Hood, Mount Jefferson und Ollalie Lake, Ramona Falls… Alles wunderschöne Orte für die man sich Zeit nehmen sollte. Finde ich zumindest.

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Mount Jefferson
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Ollalie Lake
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Mount Hood
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Das beste Frühstücksbuffet der Welt, Timberline Lodge, Mount Hood

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Ramona Falls

Tag für Tag zieht an mir vorbei. Da mein Ziel schon so nah ist und ich weiß, dass ich in wenigen Wochen meine Familie wiedersehen werde habe ich die Heimweh- Phase überwunden. Wurde auch Zeit- Ich hatte vorher noch nie wirklich Heimweh und kann gut darauf verzichten.
Außerdem denke ich in Oregon viel nach. Die Gedanken schweben einfach so durch meinen Kopf, ganz belangloses Zeug wie Liedtexte und Gedichte, was ich hier in meinen Blog schreiben möchte (und sorry, keine einzige Idee ist hängen geblieben, ich hab mal wieder improvisiert), und was ich nach dem Trail alles machen (und essen!) möchte. Ich denke über diverse Personen in meinem Leben nach, über meine Freunde, über Beziehungen von Menschen und über mich selbst. Über mein Leben, meine Zukunft, meine Ziele. Es ist wirklich faszinierend womit sich der Geist beschäftigt wenn man so viel Zeit zum denken hat. Und wie oft man doch einfach gar nichts denkt, der Kopf völlig frei wird und man einfach nur genießt.

Ab und zu höre ich auch einfach Musik. Da ich auf meinem iPod Musik des letzten Jahrzehnts gesammelt habe muss ich immer wieder über die Lieder lachen die zufällig abgespielt werden, frage mich was eigentlich aus den No Angels geworden ist und warum zum Teufel ich Jeanette Biedermanns Liebesschnulzenrumgeheule nie gelöscht habe. Das war echt noch nie gut, auch nicht als ich 10 war. Ich hätte die Bravo Hits 26 wirklich nicht komplett auf den iPod ziehen sollen…
Und dann gibt es diese Lieder bei denen ich noch heute am liebsten den Rucksack wegschmeißen und Tanzen würde. Was das ein oder andere Mal auch passiert 😀

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Kurz vor dem letzten Ort in Oregon, direkt an der Grenze zu Washington, erlebe ich ein persönliches Highlight auf dem Trail: die Tunnel Falls. Genau genommen liegt dieser ganz spezielle Wasserfall nicht auf dem PCT sondern auf einer Alternativroute, dem Eagle Creek Trail. Doch so gut wie jeder Hiker wählt diesen Trail statt den offiziellen PCT zu laufen. Die Wasserfälle sind einfach spektakulär! Besonders Tunnel Falls ist mehr oder weniger berühmt- man kann hinter einem Wasserfall herlaufen, durch einen schmalen Tunnel im Fels. Ein unglaubliches Gefühl- direkt am Eingang tosen noch die Wassermassen lautstark neben einem den Fels hinab, ein paar Schritte weiter im Tunnel ist es verhältnismäßig ruhig. Man mag kaum glauben dass auf der anderen Seite der Felswand hunderte Liter Wasser innerhalb von ein paar Sekunden entlangströmen.

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Twister Falls
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Eagle Creek Trail
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Tunnel Falls
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Mein Lieblingsbild 🙂

Noch am selben Tag komme ich in Cascade Locks an. Schon von weitem kann man die Brücke der Götter sehen, die über den Columbia River führt. Die südliche Hälfte der Brücke gehört noch zu Oregon. Die nördliche Hälfte- Washington! Der dritte und letzte Staat auf meiner Reise. Kinder wie die Zeit vergeht- bald schon würde sich meine Reise dem Ende zuneigen. Meine Gefühle sind gemischt als ich letztendlich die Brücke überquere.

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Tag 120- Begegnungen

In diesem Beitrag werde ich ausnahmsweise mal nicht über mich schreiben und mal wieder Bilder von Bergen und Seen posten. Mit diesem Beitrag möchte ich Danke sagen und ein paar Menschen vorstellen.

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Meridith und Lowell aus Chester, PCT Meile 1330.
Meridith „Piper’s Mom“ und ihr Mann Lowell sind ganz offizielle Trailangel. Ihre Tochter ist den PCT selber gelaufen, ein paar Jahre vor mir und in zwei Etappen da sie sich beim ersten Anlauf nach ca. der Hälfte des Weges den Fuß gebrochen hat.
Seitdem helfen Meridith und Lowell jedes Jahr den Hikern auf dem Trail ihr Ziel zu erreichen, aus reiner Freude an der Sache und um sich für die Hilfe, die ihrer Tochter zugekommen ist, zu bedanken.
Ich hatte das große Glück die zwei kennen zu lernen und sogar zu ihnen nach Hause eingeladen zu werden. Abends macht Meridith Monk, Huck und mir eine Pizza und am nächsten Morgen ein unglaublich gutes Frühstück. Wir können in ihrer Garage campen und werden vom Trail abgeholt und wieder zurück gebracht.
Danke Meridith und Lowell- ihr habt mir so unglaublich viel Gastfreundschaft entgegen gebracht dass ich es selber kaum fassen kann.

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Barefoot (Mitte) und seine Familie. Als ich in Castella ankomme sind meine Füße am Ende. Die Hitze, der Staub und die 30 Meilen Tage haben Scheuerstellen verursacht die es mir schwer machen zu laufen. Barefoots Familie, die in Castella ihren Campingurlaub verbringt, ermutigt mich einen Tag Pause zu machen und nehmen Monk und mich mit zu einem Fluss und füttern uns bis zum umfallen.
Danke Familie Stepanik für den super Tag. Und danke dass ihr mich davor bewahrt habt meine Füße komplett zu zerstören 😀

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Carolyn und Gary aus Ashland. Als im Hostel alle Betten belegt und wir mittelstark verzweifelt waren haben uns die zwei kurzerhand zu sich nach Hause eingeladen. Es folgte ein toller Abend mit super interessanten Gesprächen- Carolyn ist in den 70er Jahren selber ein paar Abschnitte des PCTs gelaufen.
Am nächsten Morgen fährt sie uns sogar noch zu einem REI, wo ich neue Trekkingstöcke bekomme, und bringt uns anschließend zurück zum Trail.
Wieder bin ich von der Offenheit und Gastfreundschaft beeindruckt. Danke!

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Crescend Lake. Wo Steine schwimmen und Nachbarn zusammen Urlaub machen.
Auf dem Crescend Lake Campingplatz wollten wir eigentlich nur fragen wo man sich anmelden kann- und werden prompt zum Abendessen eingeladen. Es ist super! Und ich bekomme soooo viele Umarmungen, bewundernde Worte und wieder- unendlich viel Gastfreundschaft.
Ein unvergesslicher Abend 🙂

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Eine sehr außergewöhnliche Begegnung- Cathy und Bizz.
Als ich am McKenzie Pass ankomme stehen die zwei auf der anderen Seite der Straße und genießen die Aussicht. Wie das auf dem Trail so läuft kommen wir ins Gespräch- und quatschen ganze zwei Stunden. Die beiden sind unglaublich herzlich und sagen immer wieder wie unglaublich stolz sie auf mich und meine Leistung sind- nein, ich habe die zwei noch nie zuvor gesehen!
Es fließen sogar ein paar Tränen. Die zwei wünschen sich so sehr dass ihre Nichte, die wohl inetwa so alt ist wie ich, eines Tages den Mut finden wird sich an ein Abenteuer wie den PCT zu wagen.
Die zwei sind mit ihrem kleinen Wohnwagen unterwegs und laden mich spontan ein, mit ihnen am Trail zu frühstücken.
Nach zwei Stunden verabschieden wir uns dann unter Tränen. Ich weiß nicht warum aber die Verbindung zu den beiden war irgendwie ganz speziell.
Eine Begegnung an die ich mich wohl mein Leben lang erinnern werde.

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Meander (links) aus Holland. Er ist einer der Menschen die sogenannte Trailmagic für Hiker organisieren. Trailmagic kann eine Kühltruhe mit Getränken sein, eine Box mit Snacks oder eben ein Van voll mit Essen und verschiedensten Getränken. Da Meander ursprünglich aus Holland kommt kann ich sogar etwas deutsch mit ihm sprechen umd er lädt mich nach Amsterdam ein.
Danke Meander! Du hast mir nochmal richtig Energie für die letzten Meilen gegeben 🙂

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Das beste kommt zum Schluss?
Winni und Dave. Meine adoptierte Familie. Die zwei haben mich meine gesamte Reise über unterstützt so viel sie konnten. Sie sind etliche Meilen gefahren um mich zu treffen und immer die richtigen Worte gefunden wenn ich ein bisschen Aufmunterung gebraucht habe. Sie waren meine Motivation es wenigstens bis nach Etna zu schaffen und mein Ansporn, bis nach Kanada zu laufen.
Ihr seid wahrlich Familie für mich. Danke für alles- ich hab euch ganz ganz doll lieb!

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Außerdem sind da natürlich noch die ganzen anderen Hiker, hier eine kleine Auswahl beim Frühstück in Ashland. Ohne die ganzen anderen Leute auf dem Trail hätte ich es wahrscheinlich nicht sehr weit geschafft. Ganz besonders dankbar bin ich Ginger Grouse und Monk die mich sicher durch die Sierras gebracht haben und wirklich gute Freunde von mir geworden sind 🙂

Okay, jetzt doch noch ein kleines Update von mir. Ich hab die 2000- Meilen- Grenze erreicht (wohoooo)

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Und obwohl ich schon so viele Bilder von Bergen und Seen gepostet habe kommen noch ein paar. Es ist einfach so schön hier 🙂

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Tag 111- Crater Lake Reunion

Der erste Tag in Oregon ist wunderbar. Der Himmel ist leicht bewölkt sodass es deutlich kühler ist als die letzten Tage in Kalifornien (~35ºC). Außerdem sind viele Menschen auf dem Trail unterwegs da dieser Part recht einfach mit dem Auto zu erreichen ist. Es tut unglaublich gut mit so vielen Leuten zu reden und sich nochmal ins Gedächtnis zu rufen dass man nicht nur stupide jeden Tag vor sich hin läuft sondern eigentlich was ganz schön cooles macht.
Ein weiteres Highlight des Tages ist der Moment in dem mich drei halbnackte Trailrunner überholen. Bevor ich meinen Augen traue joggen noch zwei weitere an mir vorbei. Und ernsthaft- deren Shorts sind kürzer als meine. Und auch das einzige Kleidungsstück dass sie tragen, abgesehen von den Schuhen 😀
Später treffe ich noch eine Menge andere Trailrunner und erfahre irgendwann dass sie alle für ein Wettrennen trainieren. Ob man da halbnackt antreten darf?!

Und damit noch nicht genug. Der Trail ist hier mit kleinen Metallplatten an den Bäumen gekennzeichnet. Und ja, ich weiß dass es nicht gut ist diese zu bekritzeln. Aber einige bringen mich doch zum grinsen.

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Nachmittags kommen wir an der Callahan’s Lodge an wo wir unsere nächsten Schritte planen. Da wir unsere Resupply erledigen müssen steht fest dass es nach Ashland geht, die Frage ist jedoch wann. Als uns ein nettes Ehepaar anspricht und uns anbietet, uns zum Ashland Hostel zu bringen nehmen wir das Angebot kurzerhand an.

Am Hostel angekommen stellen wir dann etwas bedröppelt fest, dass dort nichts mehr frei ist. Doch wir haben ein riesen Glück- Carolyn und Gary, das Ehepaar dass uns hergebracht hat, bietet uns an bei ihnen zu übernachten. Wow! Ich bin mal wieder von der Gastfreundschaft entlang des Trails begeistert.

So verbringen wir einen tollen Abend mit den beiden. Am nächsten Tag fährt uns Carolyn sogar zu REI, wo ich neue Trekkingstöcke bekomme, zu einem Supermarkt und dann zurück zur Lodge.

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In der Lodge essen wir zu Mittag u d erleben dann eine riesen Überraschung- Ginger Grouse ist hier! Nachdem sie in Seiad Valley den PCT offiziell beendet hat ist sie mit ihrem Freund zur Lodge gekommen. Kurzerhand beschließen wir die Nacht zu bleiben.

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Am Morgen danach frühstücken wir mit einigen anderen Hikern- es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung den ungeplanten Zero- Day zu nehmen!

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Gegen Mittag geht es für mich zurück auf den Trail. Monk ist schon früher los- er will einen Tag vor mir am Crater Lake sein um seine Familie zu treffen. Da ich keine Lust auf 35- Meilen- Tage hab trennen sich unsere Wege also vorübergehend.

Die 110 Meilen bis zum Crater Lake gestalten sich etwas unangenehm. Wenn es nicht grade in Strömen regnet, hagelt und gewittert (was etwa drei Tage am Stück der Fall ist- ich kann ja mit Regen umgehen aber wenn man tagsüber nicht mal sein Zelt trocknen kann ist das schon blöd) werde ich von Mücken zerfressen. Zeit für das bescheuert aussehende und etwas nevige Moskitonetz. Und das Versprechen an mich selbst ein Mückenspray zu besorgen- ich zähle abends ca. 40 Mückenstiche an meinen Beinen.

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Es ist übrigens nicht kalt. Die Daunenjacke dient als Moskitoschutz während meiner Pausen. Meine Bluse interessiert die Blutsauger nicht im geringsten.
Nach zwei weiteren Tagen im Regen bin ich dann endlich da. CRATER LAKE! Hier war ich vor zwei Jahren schonmal mit Winni, Dave und Aline. Dieses Mal ist Aline leider nicht dabei- aber Winni und Dave sind da. Es ist so schön die beiden wieder zu sehen! Danke!
Mit den beiden kommt eine Menge Essen. Frittiertes Hühnchen, Kartoffelsalat, frischer Obstsalat, Erdbeeren. Ein Traum, essbar!

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Wie man sehen kann ist das Wetter immer noch nicht so schön und laut Wetterbericht soll es noch mindestens zwei weitere Tage regnen. Ich hab mich zwar schon ein bisschen dran gewöhnt- mag es aber trotzdem lieber sonnig. Naja. Machste nix.

Tag 104- Oregon!

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Etna zu verlassen ist schwer. Unglaublich schwer. Vielleicht ist es sogar eins der schwersten Dinge die ich auf dem PCT bisher gemacht habe, nach den drei wundervollen Tagen bei Winni und Dave falle ich zurück auf dem Trail erstmal in ein emotionales Loch. Mein Heimweh ist so schmerzhaft wie noch nie zuvor, ich fühle mich als hätte ich Zuhause erneut verlassen- auf unbestimmte Zeit. Am ersten Tag auf zurück in der Wildnis geht es noch, am zweiten Tag ist es so schlimm dass ich mehrmals stehen bleibe, in Tränen ausbreche und lauthals schluchze. Und eigentlich will ich gar nicht heulen, ich weiß dass es nichts ändert und ich in diesem Moment nicht so stark bin wie ich es gerne wäre. Doch ich kann einfach nicht anders. Weder Musik aus meinem iPod, noch in vier Sprachen bis zehn zu zählen hilft. Ich kann mein Gehirn einfach nicht davon abhalten immer wieder zu meiner Familie in Deutschland zu driften, zu Winni und Dave, zu meinen Freunden und zu meinem Pferd. Was würde ich in diesem Moment doch dafür geben nach Hause zu können, wenigstens für ein paar Stunden. Doch da ich irgendwo im nirgendwo bin und ich mich leider nicht beamen kann (warum hat noch keiner eine Maschine zum beamen erfunden?!) muss ich mit meinem Kummer irgendwie fertig werden und das Beste draus machen.

Beim Versuch mich selber abzulenken helfen die wunderschönen, beeindruckenden Marble Mountains:

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Außerdem wird mir mein Weg durch meine neuen Schuhe erleichtert. Nach 1000 Meilen ist das alte Paar einfach hinüber, zum Schluss konnte ich jeden einzelnen, unangenehmen Stein durch die Sohle spüren, bekam zwei Blasen und Probleme mit den Knien bei langen Bergab- Etappen da die Dämpfung stark nachgelassen hatte. Kein Wunder nach 1000 Meilen- die meisten Schuhe halten nur halb so lang.

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Am dritten Tag geht es mir besser. Vor allem die Aussicht auf Internet in Seiad Valley hellt meine Stimmung deutlich auf. Die letzten Meilen in die Stadt laufe ich zügig, wegen der Zeitverschiebung möchte ich vor 12 Uhr dort sein. Auf dem Weg dorthin passiert es dann- bei dem Versuch einen kleinen Fluss zu überqueren indem ich über Steine balanciere rutsche ich auf einem glitschigen Stein aus und finde mich einen Augenblick später im Wasser wieder. Die Situation scheint mir in diesem Moment so absurd dass ich lachen muss. Vielleicht ist das ja meine Trail- Taufe?
Ich rappel mich wieder auf, stapfe die letzten paar Meter durchs Wasser und bleibe erstmal stehen. Mir fällt auf, dass einer meiner Trekkingstöcke ungewöhnlich kurz ist. Wunderbar! Den hatte ich also geschrottet, er ist wohl bei meinem Fall zwischen den Steinen hängen geblieben, im unteren Drittel gebrochen und weggeschwemmt worden. Na toll.

So verbringe ich die letzten Meilen nach Seiad Valley damit zu überlegen, wie ich das Problem ab besten löse. Ich einige mich mit mir selber (ja, ich weiß dass das ein bisschen schizophren 😀 ) auf drei Möglichkeiten:
1.) Ich könnte einen Trekkingstock in der Hiker Box in Seiad Valley finden- der optimale Fall.
2.) Ich muss bis nach Ashland mit nur einem Stock kommen- der schlechteste Fall.
3.) Ich könnte Winni und Dave anrufen und sie bitten mich von Seiad Valley nach Ashland zu fahren um dort neue zu kaufen- doch ich möchte den beiden die Fahrt eigentlich nicht zumuten.

Schließlich komme ich dann in Seiad Valley an, einem netten kleinen Dorf. Die Leute sind alle unglaublich freundlich und so werde ich schnell zum Café weitergeleitet wo ich Internet bekomme und sofort meine Familie via Skype anrufe. Insgesamt sprechen wir viermal miteinander und mit jedem Mal fließen weniger Tränen. Es tut so gut so lange miteinander zu sprechen!

Schließlich finde ich in der Hiker Box sogar tatsächlich noch einen Trekkingstock. Alles in allem ein wirklich guter Tag der mir etwas Motivation zurück gibt.

-Fotos folgen-

Zudem ist an diesem Punkt Oregon zum greifen nah. Und am Tag drauf überqueren wir tatsächlich die Grenze. Knapp 1700 Meilen bin ich bis hierher schon gelaufen. 960 Meilen bis zur kanadischen Grenze. Aufgeben? Nix da! Dafür bin ich schon zu weit gegangen.

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Tag 98- I’m coming home

Nein, keine Sorge. Ich breche nicht ab und fliege vorzeitig nach Hause. Mit home meine ich mein Zuhause hier in Amerika: Etna.

Die letzten 100 Meilen vergehen wie im Flug. Es ist immernoch sehr heiß aber gut auszuhalten. Ich begegne auf dem Trail vielen Tieren und sehe tatsächlich meinen zweiten Bären! Diesmal auch nicht nur von hinten sondern in Aktion, er kratzt an einem umgefallenen Baumstamm herum, auf der Suche nach Insekten. Zuerst bemerkt er mich gar nicht, schaut nach einer Weile aber doch in meine Richtung… und läuft weg.
Fest steht: ich hätte gerne einen Bären. So für zuhause, in meinem Zimmer. Einen ganz flauschigen. In goldbraun. Ich liebe Bären!

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Am gleichen Tag erreichen wir die Alpen. Dass es hier Alpen gibt finde ich wahrscheinlich lustiger als es wirklich ist- aber egal 😀

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Und schließlich bin ich fast da. Am Paynes Lake, wo wir die Nacht campen, finde ich ein Schild dass mir ein breites Lächeln ins Gesicht zaubert:

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Und dann, am nächsten Morgen, ist es soweit. Die letzten 6 Meilen wandere ich so schnell wie noch nie zuvor. Nach weniger als 1 1/2 Stunden bin ich da. Ein weißer Pickup wartet hier schon auf mich, mit zwei meiner liebsten Menschen: Winni und Dave. Mit einem Mal ist die Anstrengung der letzten Wochen vergessen, jeder 30+ Meilen Tag hat sich voll und ganz gelohnt, meine Probleme mit den Füßen sind nur noch halb so schlimm. Ich freue mich einfach so sehr die zwei zu sehen und dass ich nun ein paar Tage hier in Etna verbringen kann, vollkommen entspannt. Ich könnte in diesem Moment kaum glücklicher sein ♡

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